Beim ‚2. Uplengener Dialog‘ wurde über Rechtsextremismus diskutiert
Großsander, 02. November 2019

Etwas mulmig sei ihm vor Beginn des Diskussionsveranstaltung‚ 2. Uplengener Dialog‘ schon gewesen, gestand der CDU-Gemeindeverbandsvorsitzende Matthias Caspers nach dem Treffen im Dorfgemeinschaftshaus Großsander ein. Denn das Thema ‚Was tun gegen völkisches Denken und Nationalsozialismus? Was kann Bildung für eine demokratische Gesellschaft?‘ bot allein schon genügend Ansätze zum Streiten. Der bildende Künstler Cyrus Overbeck aus Duisburg, der mit dem CDU Landtagsabgeordneten Ulf Thiele die beiden thematischen Fragen beantwortete, hat in der Vergangenheit durch provokante Thesen sehr heftige Diskussionen insbesondere in Esens ausgelöst, die nicht nur verbal ausgetragen wurden: Es gab sogar körperliche Angriffe gegen Overbeck, der daraufhin aus seiner Wahlheimat nach Duisburg geflohen war. Aber in Großsander blieb es friedlich. „Das waren zwei Lehrstunden in Sachen Demokratie und Meinungsfreiheit“, freute sich Matthias Caspers. Bei den Redebeiträgen von Overbeck und Thiele wurde es nicht laut, sondern es war zumeist mucksmäuschenstill – so gebannt hörten die rund 40 Besucher zu.

Ulf Thiele (MdL), Matthias Caspers, Cyrus Overbeck


Besondere Aktualität hatte der Diskussionsnachmittag am Reformationstag durch das Wahlergebnis der AfD bei der Landtagswahl in Thüringen knapp eine Woche vorher erhalten. Umso wichtiger sei es, die Diskussion über Rechtsextremismus zu führen und den Menschen deutlich zu machen, was deren Ideologie bedeute, mahnte Ulf Thiele in seinem Eingangsvortrag. Er zitierte mehrere Aussagen führender AfD-Funktionäre. Dass diesen „viel zu wenig“ widersprochen werde, zeige, „wir sind weiter als wir glauben“ auf dem Weg nach rechts, so der Landtagsabgeordnete. Deshalb seien solche Diskussionen wie in Großsander wichtig, mehr aber noch, bei menschenverachtenden Aussagen aufzustehen, „Mut zu haben und das Rückgrat immer gerade zu halten“.
Cyrus Overbeck zeigte sich erfreut wegen dieser klaren Positionierung. „Allen rechtsextremen Positionen muss man mit null Toleranz begegnen“, forderte der Künstler. Aber es gebe inzwischen viele Menschen, die die Ortsnamen Mauthausen oder Theresienstadt nicht mehr mit NS-Konzentrationslagern in Verbindung brächten. In der Bildungsarbeit sieht Overbeck eine ganz wichtige Aufgabe der Gegenwart und Zukunft. Und das gehe am besten über Zeitzeugenberichte, wobei deren Zahl immer weiter absinke, weil über sieben Jahrzehnte nach Kriegsende die meisten inzwischen gestorben seien. Umso wichtiger sei aber die Beschäftigung mit dieser Zeit des Schreckens.
Das sah auch Ulf Thiele so. „Wir müssen die jungen Menschen befähigen, durch das Wissen um die Vergangenheit die Bedeutung von Toleranz zu erkennen und diese Toleranz zu leben.“ Deshalb sei der Schüleraustausch zwischen den Ländern von ganz besonderer Bedeutung, um fremde Kulturen, Sitten und Gebräuchen kennen- und respektieren zu lernen, sagte der Landtagsabgeordnete. Die „humanistische Bildung“ sei sehr wichtig, betonte auch Overbeck. Man müsse in der Bildungsarbeit die Kritikfähigkeit fördern, denn „wir sind in der Demokratie davon abhängig, dass die Bürger Fragen stellen“. Nur so könnten sich starke Charaktere bilden, „die nicht so anfällig für einfache Parolen sind wie ein schwacher Charakter“, zeigte er sich überzeugt. Zu einer funktionierenden Demokratie gehöre auch das ehrenamtliche Engagement in Feuerwehren, Vereinen oder in der Kommunalpolitik. Dazu seien immer weniger Menschen bereit. „Uns bricht der gesellschaftliche Zusammenhalt im Bereich des Ehrenamtes weg“, warnte Ulf Thiele.
Auch das Thema, weswegen Overbeck massiv angefeindet wurde, kam zur Sprache: der Vorschlag, für die Bomberpiloten, die Esens im September 1943 angegriffen, zerstört und 165 Menschen, davon über 100 Kinder und Jugendliche, getötet hatten, ein Denkmal zu errichten. „Natürlich tun mir die Opfer unendlich leid“, sagte Cyrus Overbeck. Es sei ihm weniger um Esens gegangen, sondern darum, dass die Flugzeugbesatzungen der Alliierten die Kapitulation Deutschlands und Ende des Nazi-Regimes erreicht hätten – dabei seien rund 55.000 Männer in ihren Flugzeugen umgekommen.
Wie heftig er wegen seiner kritischen und auch provokanten Äußerungen angefeindet wurde, „hat mir Angst gemacht“. Vor allem aber die Attacken gegen sein Künstleratelier, sein Auto und gegen seine Person. Diese „Angst lähmt“, gestand Overbeck ein, doch genau das sei das Ziel von übersteigertem Nationalismus und Nationalsozialismus: hier werde mit „dem unbestimmten Moment der Bedrohung“ gearbeitet, um Angst, Vorsicht und Zurückhaltung zu erzeugen und Kritik zu verhindern.
Er lasse sich aber nicht einschüchtern, auch wenn die „Anfeindungen unheimlich“ seien. Aber er habe auch gute Freunde in Esens, die ihn unterstützten.